Passagierberechtigung

Jeder Luftsportgeräteführer, so heißen die Piloten in/auf Ultraleichtflugzeugen im Beamtendeutsch, der auch mal einen Gast in die dritte Dimension entführen möchte, braucht Sie, die Passagierberechtigung. Voraussetzung hierfür sind 5 Überlandflüge, von denen zwei in Begleitung eines Fluglehrers mindestens eine Länge von 200 km und je eine Zwischenlandung haben müssen.

Ich habe schon nicht mehr mitgezählt, wie viele Flugtermine ich für diese “verdammte” Berechtigung gemacht habe.. 5? Mindestens! Jedes Mal hat mir das “schöne” Januarwetter mit niedriger Wolkenuntergrenze oder Vereisungsbedinungen einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Diesen Samstag, 19.02.2011, wollte ich zusammen mit Fluglehrer Harry den nächsten Versuch wagen. Nach dem ersten Blick aus dem Fenster am Samstagmorgen sah es nicht viel besser aus als bei den letzten Versuchen, das Flugwetter vom Deutschen Wetterdienst prophezeite jedoch Wolken in etwas über 2000 ft AGL (above ground level) und Sichten zwischen 8-10 km. Fliegbar! Geplante Route:

EDAZ (Schönhagen) – EDCA (Anklam) – EDAH (Heringsdorf)

Nach dem Start in Schönhagen Richtung Anklam ging es direkt auf Nord-Nord-Ost-Kurs auf den Pflichtmeldepunkt “WHISKEY 1″ der Kontrollzone Berlin-Schönefeld zu. Die Wolken hingen tief und die Sicht war höchstens mäßig, aber der freundliche Fluglotse aus Schönefeld genehmigte den Einflug mit:

“D-MTSH, crossing approved via whiskey 1, oskar and tango, enter control zone special vfr, 1500 ft or below, QNH 1022, squawk 7000, next report whiskey 1″.

Wir haben uns dann die A115 (AVUS) entlanggeschlängelt in Richtung des Pflichtmeldepunktes “OSKAR”, dem Übergabepunkt zwischen den Kontrollzonen der Flughäfen Schönefeld und Tegel. Nach dem Wechsel auf die Frequenz erhielten wir die Freigabe fürs “midfieldcrossing”:

Nachdem wir die Berliner Stadtgrenze hinter uns gelassen und uns vom Tegl’er Lotsen verabschiedet hatten, ging’s nach der (freiwilligen) Anmeldung bei “Bremen Information” gemütlich in Richtung Anklam. Aus Spaß funkten wir den Flugplatz “Emmel Airfield Dedelow” an, Harry hatte hier vor einiger Zeit gute Erfahrungen macht, aber das Funkgerät blieb auch nach dem dritten “Einleitungsanruf” tot. Kein Grund zur Sorge, als Tankstopp und Pinkelpause sollte eh der Flugplatz Anklam, ein Verkehrslandeplatz mit festen Öffnungszeiten, dienen.

Auch Harry, ein erfahrener Fluglehrer mit über 2000 Stunden im Flugbuch, war überrascht, als uns auch in Anklam das gleiche Schicksal ereilte wie in “Dedelow”,  zwei tiefe Überflüge und unzählige “Einleitungsanrufe” später, keiner da! :( Nächster Flugplatz war damit der Verkehrsflughafen Heringsdorf. Der Sprit reichte wie berechnet noch bis Heringsdorf ohne die obligatorische 30min-Reserve anzuzapfen.

Beim Drücken des Frequenzwechselschalters am Funkgerät hörte ich noch die Reste eines “… ILS runway 28 established, Lufthansa 911″. Lufthansa 911 stelle sich als eine Cessna Citation der “Lufthansa Flight Training” aus Bremen heraus, ein ehrwürdiger Anblick angesichts meiner laufenden Bewerbung bei Lufthansa… So professionell wie die Trainingsanflüge der Citation waren, so unprofessionell war der “Typ” auf dem Tower. Er nuschelte, ließ die Hälfte weg und genehmigte den Einflug in den linken Queranflug, d.h. die nördliche Platzrunde für uns, die von Süden kommen. Irgendwann verlor er die Lust und genehmigte den Direktanflug und rang sich noch zu einem “cleared to land runway 10″ durch:

Es gab zwar keine Rollanweisungen, dafür AVGAS (aviation gas) für unglaubliche 2,35 € pro Liter anstatt MOGAS (motive gas). Im warmen Tower beratschlagten wir, wie der Flug noch zu retten sei, die Zwischenlandung in Anklam fehlte schließlich. Einziger Ausweg war der Flugplatz Penemünde (EDCP), der zwar nochmal 30 km weiter nord-westlich von Heringsdorf liegt, aber freundlicherweise unsere Landung abwartete, bevor auch hier die Taxiways hochgeklappt werden.

“D-MTSH, cleared for take-off runway 10″

Über den Bodden ging’s an der Küste Usedoms entlang Richtung Penemünde, ein Flugplatz mit DDR-/Sowjettypischer Beton-Platten-Bahn und wunderschönem Anflug überm Wasser.

Unverschähmte 11,50 € Landegebühr später waren wir auch schon wieder in der Luft “direct Eberswalde/Finow”. Wie (fast) immer verging der Rückflug schneller als der Hinflug und das Fliegerbistro im Flugplatz Eberswalde/Finow empfing uns mit seiner, naja, speziellen Atmosphäre. :-) (Jeder Pilot weiß, was ich meine!)

Kurz nach dem Start meldete ich uns “5 miles inbound papa” bei Tegel Tower an, um mal wieder professionell und freundlich eine Freigabe für den Einflug und “midfieldcrossing” zu bekommen. Nachdem auch der landende “Speedbird” (Rufzeichen British Airways) über uns informiert war, ging’s mit Vollgas über’n Flughafen!

Wie schon auf dem Hinflug raste die AVUS unter uns lang und über “WHISKEY 1″ verließen wir die Kontrollzone wieder in südlicher Richtung. In Schönhagen war mächtig Betrieb, gleich mehrere Flieger meldeten das Verlassen der Platzrunde in nördlicher Richtung, also auf Gegenkurs zu uns! Verstärkte Luftraumbeobachtung war angesagt, lediglich ein kleines Motorflugzeug sahen wir unter uns vorbeiziehen, bevor ich den Anflug auf Schönhagen vorbereitete!

Mit “minimum 10 knots cross” von links nochmal eine kleine Herausforderung. Ich setzte bei gezogenem Bugrad zuerst mit dem linken Hauptfahrwerk und schließlich mit dem rechten Fahrwerk butterweich auf! Bestanden! :-)

Flugs den Antrag auf Passagierberechtigung ausgefüllt, weggeschickt, und in den nächsten Tagen sollte die neue Lizenz per Post eintrudeln. Erster Passagier wird vermutlich mein Kommilitone und Swiss-Verkehrspiloten-Bewerber Christian!

Zusammenfassung:

  • Flugroute: EDAZ – EDAH – EDCP – EDAV – EDAZ
  • Flugzeit: 5 Std. 7 Min.
  • Flugstrecke: 250 NM (463 km)